Inklusions-Pegel - Der Newsletter zu inklusiver Bildung in Deutschland

Inklusions-Pegel Juli 2020

Ausgabe Nr. 7

Neues zum Thema Inklusive Bildung, liebe Leute!

Heute erhalten Sie eine neue Ausgabe unseres Newsletters INKLUSIONS-PEGEL, dem Folgeprojekt unserer Kampagne zum Film DIE KINDER DER UTOPIE. Hier berichten wir jeden Monat, was in Deutschland rund um die Umsetzung von Artikel 24 — inklusive Bildung — der UN-Behindertenrechtskonvention passiert. Dabei versuchen wir einerseits, die Bundesländer und Kommunen als Akteure der Schulpolitik im Blick zu behalten, und andererseits, die Nachrichten nach bundesweiter Relevanz zu filtern.

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Ihr mittendrin e.V.

Kommentar: Die Eule spricht

Können Sie mir erklären, was ein Systemsprenger ist? Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin müsste das können. Immerhin will sie Systemsprenger per Verordnung zwangsweise auf Sonderschulen schicken.

Aber was genau macht aus einem Kind einen Systemsprenger? Welches Verhalten reicht zum Sprengstoff, und welches nicht? Reicht es, wenn ein Schüler im Unterricht regelmäßig unaufgefordert spricht? Ist der Status erreicht, wenn eine Schülerin jede Woche auf dem Pausenhof in Handgreiflichkeiten verwickelt ist? Muss das eher zwei Mal pro Woche passieren? Oder muss vor der Zuschreibung mindestens fünf Mal Mobiliar zu Bruch gegangen sein?

Wer immer den Begriff Systemsprenger erfunden hat, hat ihn sorgfältig auf Dramatik getrimmt und sprachlich in eine Aura von Gewalt und Zerstörung getunkt. Er macht Kinder bildlich zu kleinen Monstern, die man aus der Gemeinschaft entfernen muss, bevor sie alles in Schutt und Asche legen.

Der Begriff Systemsprenger erzeugt in den Köpfen plastische Bilder. Ein Problem ist allerdings, dass er in jedem Kopf ein anderes Bild erzeugt. Und deshalb denkbar ungeeignet ist, schwerwiegende Eingriffe in Bildungsrecht und Teilhabechancen eines Kindes zu rechtfertigen.

Ob ein Kind mit schwierigem Verhalten als Systemsprenger gilt, hängt etwa von der Person des Lehrers ab – von seinem Belastungslevel, von seiner Unterstützung, seiner persönlichen Souveränität, seinem pädagogischen Geschick, seiner Fähigkeit zur Empathie. Entscheidend ist auch die Persönlichkeit des Gutachters – seine Erfahrung, seine Reflektiertheit, seine Sozialisierung und seine Vorurteilsstruktur. Von Nahem betrachtet, löst sich die vorgebliche Eindeutigkeit des Begriffs Systemsprenger in nichts auf. Ob ein Kind das Etikett bekommt, hängt auch hier in inakzeptablem Maße von Zufall und Ermessen ab.

Es ist ein Kreuz mit den sonderpädagogischen Zuschreibungen. Nicht nur beim neumodischen Systemsprenger. Wo genau liegt die Grenze zwischen einem Schüler mit schlechten Noten und einem Schüler mit Lernbehinderung? Wo hört unangemessenes Benehmen auf und fängt der emotional-soziale Förderbedarf an?

Dass die Schwammigkeit sonderpädagogischer Zuschreibungen Schüler*innen, Schulen und die Schulpolitik in Probleme bringt, hat die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien gerade erst erkannt. Sie hat genau in die Zahlen gesehen und kam offenbar ins Zweifeln, warum die Zahl sonderpädagogischer Diagnosen in Flensburg, Husum und Plön so stark voneinander abweicht. Um dem unterschiedlichen Ermessen einzelner Sonderpädagogen Grenzen zu setzen, will sie jetzt kreisübergreifende Diagnostikzentren einrichten.

Nur eines bleibt unverständlich: Wenn eine Bildungsministerin erkannt hat, dass man sonderpädagogischen Diagnosen misstrauen darf und muss, warum will sie mit dem Systemsprenger nun eine neue, noch schwammigere Diagnose ins Schulrecht einpflanzen? Sie hatten das Problem doch gerade so schön erfasst, Frau Ministerin! Denken Sie weiter!

Die Themen im Juli

Systemsprenger / 1

In Schleswig-Holstein stößt der Rückbau des Rechts auf inklusive Bildung weiter auf Widerstand im Landtag. Der grüne Koalitionspartner und die SPD-Opposition wollen die Verordnung von Bildungsministerin Karin Prien nicht mittragen, nach der ursprünglich bereits ab August verhaltensschwierige Schüler, sogenannte Systemsprenger zwangsweise an eine Förderschule verwiesen werden sollten. Inzwischen soll die umstrittene Verordnung erst ein Jahr später in Kraft treten.

Auch Astrid Henke, Landeschefin der Lehrergewerkschaft GEW, findet es falsch, die Schüler dann sogar den Förderzentren fest zuzuordnen. Intensivpädagogische Maßnahmen müssten zeitlich eng begrenzt sein und sollten am besten an der Regelschule stattfinden. Bildungsministerin Prien dagegen will in ihrer Verordnung sogar eine Weiterentwicklung der Inklusion sehen.

Landtags-Streit über Inklusion: Was tun mit schwierigen Schülern?

LN online / 11.07.2020

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Jugendliche im Rollstuhl sitzt im Klassenzimmer am Tisch und arbeitet


Systemsprenger / 2

Der Lübecker Elternverein ElternSTIMME e.V. zeigt der Bildungsministerin auf, dass sie gerade im Begriff ist, gegen die UN-Behindertenrechtskonvention zu verstoßen. Und fragt, warum in Schleswig-Holstein nicht gelingt, was nebenan Hamburg längst vormacht:

Elternstimme kritisiert Modell für Schüler mit Förderbedarf

HL-live / 20.07.2020

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Planung

Thüringen gehört zu den wenigen Bundesländern, die immerhin einen Planungsprozess für den Aufbau der inklusiven Bildung erkennen lassen. Das im August in Kraft getretene Schulgesetz legt fest, dass künftig alle fünf Jahre ein Entwicklungsplan Inklusion zu erstellen ist. Für sonderpädagogische Diagnosen ist ab jetzt nicht mehr der Sonderpädagoge der Schule zuständig, sondern ein diagnostischer Dienst. Der Elternwille bei der Schulwahl wurde im Gesetz gestärkt. Eltern, die für ihr Kind eine Förderschule wählen, müssen ausführlich vom Schulamt beraten werden.

Neuregelungen für Schulen und Kindergärten

nnz-online / 01.08.2020

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Corona / 1

In Bremen wird diskutiert, warum Schulen in der Corona-Krise wieder in alte Gewohnheiten der Exklusion zurückfallen. Ein breites Bündnis fordert, dies zum Anlass für längst überfällige Reformen zu nehmen.

Kritiker sehen Schule für alle in Gefahr

Sara Sundermann / WESER-KURIER / 06.07.2020

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Schulklasse beim Frontalunterricht


Corona / 2

Auch in Niedersachsen werden Befürchtungen laut, dass Schulen unter Corona-Bedingungen die Inklusion vernachlässigen könnten. Der Landeselternrat beobachtet, dass Förderschulen ihre ins Gemeinsame Lernen abgeordneten Lehrer zurückrufen, um den Ausfall von Lehrern an der eigenen Schule zu kompensieren:

Rückkehr zum Regelbetrieb ist denkbar

Andreas Hapke / MK kreiszeitung / 28.07.2020

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Eingang der Kooperativen Gesamtschule Stuhr-Brinkum


UN-BRK

Abermals kritisiert der Sozialverband VdK die schleppende Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention an Deutschlands Schulen.

VdK: Inklusion in Schulen schneller umsetzen

Benedikt Sequeira Gerardo / Taubenschlag / 13.07.2020

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Illegal

Die Stadt Frankfurt plant den Ausbau seiner Förderschulen für Schüler*innen mit geistiger Behinderung - und die Stadtschulpflegschaft stimmt ebenso wie die Stadtschülervertretung zu. Allein der Elternbund Hessen erkennt, dass dies gegen das Landesschulgesetz verstößt.

Elternbund gegen Ausbau der Förderschulen

Matthias Trautsch / FAZ / 16.07.2020

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Hände von Schüler:innen, die sich melden.


Original und Fälschung

Schulen auf dem Weg zur Inklusion sind immer in der Gefahr, in die alten Sonderschul-Reflexe zurückzufallen. Ein Video aus Australien zeigt die häufigsten Fallen – und wie man es besser macht.

What Is Inclusion?

Youtube / Down Syndrome Queensland 

Zum Film

Mädchen mit Down-Syndrom im Klassenzimmer. Weiße Schrift: „I want to do what they are doing.”


Corona / 3

Schon mehrfach hat der Inklusions-Pegel aufgezeigt, wie Kinder mit geistiger Behinderung unter dem Vorwand des Infektionsschutzes diskriminiert werden. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Lia muss weiterhin zu Hause bleiben

Verena Sieling / Nordwest Zeitung / 04.07.2020

Zum Artikel

Franziska Schulz mit Tochter Lia


Reifeprüfung

Erstmals – also zum allerersten Mal – gibt es im Land Brandenburg einen gehörlosen Abiturienten. Mehr muss zur Bildungsteilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung nicht gesagt werden.

„Ich hoffe, dass andere taube Schüler sehen, dass sie es schaffen können“

MAZ / 20.06.2020

Zum Artikel  (Paywall)

Der gehörlose Elias Louis Zander hält lachend sein Abiturzeugnis in die Kamera


Kinderspiel

In Franken werden Grundschüler für ihre Verdienste um Inklusion belobigt. Zu Recht. Sie haben einfach gemeinsam gelernt. Dass dies unter dem verkrampften bayerischen Modell der Partnerklassen stattfand, haben sich Erwachsene ausgedacht.

Mittelfränkische Grundschüler machen sich um Inklusion verdient

Verena Stephan / inFranken / 09.07.2020

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Corona-konforme Abschiedsfeier. Immer ein Elternteil und ein Kind sitzen nah nebeneinander, dazwischen große Abstände.


Ausgrenzung

In Baden-Württemberg wird die „Inklusionsfähigkeit“ selbst von Vorschulkindern angezweifelt und viel öffentliches Geld in eine Kita investiert, in der Kinder mit Behinderung unter sich bleiben.

Kreis beteiligt sich an Nagolder Kita-Neubau

Axel H. Kunert / Schwarzwälder Bote / 06.07.2020

Zum Artikel

Außengelände der Kita mit Schaukel.


Berufsbildung

Jugendliche mit Behinderung haben seit Jahresbeginn das Recht, ihre berufliche Bildung außerhalb der beschützenden Werkstatt zu erlangen und dafür ein Budget für Ausbildung zu verwenden.

Infos zum Budget für Ausbildung

Ottmar Miles-Paul / kobinet Nachrichten / 14.07.2020

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weißes „i “ auf blauem Quadrat


Exkurs / 1

Während das System Schule in der Inklusion immer noch ein großes Problem sieht, hat die Wirtschaft die Vorteile von Teams erkannt, die unterschiedliche Potenziale nutzen.

6 Inspirationen für mehr Vielfalt und Inklusion im Arbeitsalltag

Viola Klingspohn / onlinemarketing / 23.07.2020

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Eine Gruppe unterschiedlicher Menschen stehen lachend im Büro zusammen und haben Getränke in der Hand.


Exkurs / 2

Auch in der Werbewirtschaft hat Inklusion ein positives Image.

Joel Nettey: "Wer Vielfalt predigt, lädt zur Party. Wer Inklusion meint, fordert zum Tanz."

Beat Hürlimann / HORIZONT / 20.07.2020

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Portrait von Joel Edmund Nettey, Senior Vice President (Incoming President) IAA Global – International Advertising Association


Alltagswahnsinn

Schon im fünften Jahr versorgen uns die beiden Kirstens – Ehrhardt (Walldorf) und Jakob (Ulm) -  jeden Montag mit einer Geschichte mitten aus dem Leben zwischen Inklusion und Nixklusion. Die beiden Autorinnen sind Mütter von Kindern mit Behinderung und im Vorstand der LAG Gemeinsam leben – gemeinsam lernen Baden-Württemberg. Wer wissen will, wie Inklusion gelingt  und welche Armseligkeiten andererseits oft ein Gelingen verhindern, findet hier schier unendlich Anschauungsmaterial. Das ist Pflichtlektüre für jede* Schulpolitiker*in und dank der Hör-Version absolut Dienstwagen-tauglich! Ende Juni erschien die 200. Geschichte:

Zwischen Inklusion und Nixklusion

Blog kirstenmalzwei 

Zum Artikel

Fünf bunte lachende Strichmännchen stehen nebeneinander und halten  sich an den Händen.

 

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